Das Internet ist heutzuztage ein unsicheres Umfeld. Sollte mal ein Sicherheitsrisiko auf Ihrem Server auftreten, erstmal Ruhe bewaren. Dann sollte das Problem systematisch angegangen werden. Informieren der entsprechenden Personen. Es beginnen die Tatortermittlungen. Was ist wann passiert? Welche Systeme sind betroffen? Welche Auswirkungen? Wer hat Zugang zum System. Passwörter möglichst sofort ändern! Bei Fragen; Hilfe anfordern.
1) Sofortmaßnahmen (0–1 Stunde): Eindämmung & Sicherheit
Ziel: Schaden begrenzen, Beweise sichern, weiteren Zugriff verhindern.
Checkliste
- Sofort einordnen: Handelt es sich vermutlich um Malware, unautorisierte Zugriffe, Ausnutzung einer Schwachstelle, Credential-Theft oder Datenabfluss?
- Relevante Systeme identifizieren: Welche Server/Services sind betroffen (laut Logs, Alerting, Ticket, IDS/EDR)?
- Netzwerkzugang begrenzen:
- Betroffene Hosts isolieren (z. B. im VLAN sperren / Firewall-Regeln, ggf. nur Management erlauben).
- Öffentliche Ports dicht machen, die für den Angriffsweg genutzt werden könnten.
- Keine „Aufräum“-Aktion vor Log-Sicherung: Erst Logs sichern/archivieren, dann Maßnahmen.
- Zugänge stoppen:
- Betroffene User-Accounts vorübergehend sperren oder deaktivieren.
- SSH/RDP Zugriff einschränken (nur Admin-Netz, Break-Glass nur wenn nötig).
- Persistenz unterbrechen: Wenn du sicher weißt, welche Prozesse/Services betroffen sind: stoppen (aber Log-/Forensik-Daten nicht verlieren).
- Kommunikation intern starten: Incident-Commander, technische Ansprechpartner, Verantwortliche für Recht/Compliance (falls erforderlich).
Wichtig: Wenn aktiver Angriff/Datenabfluss wahrscheinlich ist, priorisiere Eindämmung und Beweissicherung.
2) Beweissicherung & Datenhaltung (parallel): „Forensik-ready“ machen
Ziel: Nachvollziehbarkeit sichern, ohne Spuren unnötig zu verändern.
Checkliste
- Zeitsynchronität prüfen: Systemzeit/NTP-Status dokumentieren.
- Logs zentral sichern (ideal: remote/immutable storage):
- Betriebssystem-Logs (Auth, System, Application)
- Webserver/Reverse Proxy Logs
- Datenbank-Logs (falls vorhanden)
- Firewall/IDS/IPS Logs
- Cloud-/Hypervisor-Logs (wenn IaaS)
- Prozess- und Artefakt-Snapshots:
- laufende Prozesse, offene Verbindungen
- relevante Verzeichnisse (z. B. Webroot, Upload-Ordner, /tmp, Autorun-Stellen)
- Datei-Hashes bilden (für spätere Integritätsprüfung):
- Hashes für veränderte/verdächtige Dateien + kritische Systemdateien
- Speicherabbild (falls sinnvoll):
- Wenn euer Setup das zulässt und ihr geschult seid (sonst nur oberflächliche Artefakte).
- Kette der Nachweise (Chain of Custody):
- Wer hat wann was kopiert/gesichert?
- Wo liegen die Daten, wer hat Zugriff?
3) Technische Analyse (1–8 Stunden): Was ist passiert?
Ziel: Erkennen von Angriffspfad, Ausmaß, Eintrittspunkt, Persistenz, lateral movement, Datenabfluss.
Checkliste
- Einstiegspunkt finden:
- gab es erfolgreiche Authentifizierungen zu ungewöhnlichen Zeiten?
- Hinweise auf Exploit (Web-Router, CMS, APIs, Uploads)?
- auffällige SSH-Keys / neue Accounts?
- Timeline erstellen:
- Erstes verdächtiges Event → Verbreitung → Persistenz → Aktionen (z. B. Datenzugriff).
- Persistenz prüfen:
- neue Cronjobs/Systemd-Timer (Linux)
- Scheduled Tasks/Run Keys (Windows)
- neue Dienste/Services
- Webshells, manipulierte Startup-Dateien
- Indikatoren für Datenabfluss:
- ungewöhnliche ausgehende Verbindungen (HTTP(S) zu unbekannten Domains, DNS-Tunneling)
- große Datenmengen, ungewöhnliche Zeiten
- Cloud-Objektzugriffe / Exfil-Pattern
- Lateral Movement:
- Logins von/zu anderen Hosts
- Passwortsprünge, neue Tickets, Kerberoasting-ähnliche Muster (falls AD)
- Komponenten-Audit:
- Webserver-Plugins/Module, npm/python dependencies, Container-Images
- Container/VM-Images auf Manipulation prüfen
- Angriff dokumentieren:
- Welche Systeme, welche Technik/Schwachstelle (wenn klar)
- Welche Accounts und Rechte missbraucht?
4) Entscheidung: Rebuild vs. „Cleanup“
Ziel: In der Praxis ist „Rebuild“ oft sicherer als manuelles Entfernen.
Faustregeln
- Rebuild/Migration bevorzugen, wenn:
- Root-/Admin-Compromise wahrscheinlich ist
- Persistenz nicht sicher vollständig identifiziert werden kann
- Systeme kritische Daten halten oder „weit“ betroffen sind
- Gezieltes Cleanup nur, wenn:
- kompromittierte Artefakte eindeutig gefunden wurden
- Rechte/Zeugnisse (Accounts, Keys) sicher rotiert werden
- Integrität verifiziert werden kann
Checkliste
- Integritätsprüfung planen (z. B. Baseline-Hashes, OS-Vergleich, Konfig-Vergleich).
- Backup/Recovery-Strategie: nur „saubere“ Snapshots nutzen (nicht kontaminiertes Material).
5) Bereinigung & Wiederherstellung (Wiederaufnahme sicher machen)
Ziel: System in vertrauenswürdigen Zustand zurückbringen.
Checkliste (für Rebuild)
- Betrieb neu aufsetzen aus vertrauenswürdigen Images (golden image).
- Nur saubere Konfigurationen übernehmen (Config aus Versionierung, nicht aus betroffenen Hosts kopieren).
- Zugänge neu provisionieren:
- neue Admin-Accounts (optional) bzw. Berechtigungen restriktiv setzen
- SSH keys/RDP Keys neu verteilen
- Zertifikate/Secrets neu ausstellen/rotieren (siehe Abschnitt 6).
- Einstellungen härten (siehe Abschnitt 7).
- Verifizierung: nur starten, wenn Logs/Integrity ok sind.
Checkliste (für Cleanup, wenn Rebuild nicht möglich)
- Verdächtige Dateien/Verzeichnisse entfernen, aber:
- erst Beweise sichern
- erst danach löschen/ersetzen
- Alle relevanten Prozesse/Services ersetzen, nicht „reparieren“ wenn möglich.
- Binaries/Packages verifizieren (Signaturen/Hashes).
- Alle persistenzverursachenden Mechanismen vollständig entfernen.
- Integrität und Funktionsfähigkeit gegen Baseline testen.
- Monitoring hochfahren (für „Beinahe-Wiederinfektion“).
6) Rotation von Credentials & Secrets (sehr wichtig)
Ziel: Sicherstellen, dass keine Zugangsdaten weiter missbraucht werden können.
Checkliste
- Passwörter rotieren für:
- alle kompromittierten User
- alle Admins, die während des Zeitfensters Zugriff hatten
- SSH Keys / API Tokens / OAuth Secrets neu ausstellen.
- Cloud-Zugriffskeys (Access Keys, Service Principals) rotieren.
- Session Tokens / Cookies ablaufen lassen oder invalidieren (Web-Kontexte).
- DB-Credentials neu ausstellen, wenn verdächtige Abfragen/zugriffe stattfanden.
- Secrets in CI/CD: Prüfen, ob Pipeline-Variablen kompromittiert wurden → neu freigeben.
7) Härtung & Patchen (Ursache beseitigen)
Ziel: Wiederholung verhindern.
Checkliste
- Patches/Updates:
- OS-Patches, Kernel, Service-Updates
- Webserver/CMS/Framework Dependencies
- Container Base Images updaten
- Angriffsfläche reduzieren:
- unnötige Ports schließen
- Dienst-Konten mit Least Privilege
- Directory Listing/Upload-Fehlerzustände reduzieren
- MFA erzwingen für Admin-Zugriffe (wenn nicht vorhanden).
- Logging erhöhen (Details auf das Nötige; sensible Daten schützen).
- WAF/Rate-Limits (für Web) aktivieren/optimieren.
- Application Security:
- Uploads validieren, Webshell-Detection
- RCE/Path-Traversal-Schutz
- Egress Controls (falls möglich):
- ausgehende Verbindungen restriktiv (Whitelist-Domains/Ports)
8) Monitoring & Detection verbessern (damit ihr schneller reagiert)
Ziel: In Zukunft schneller erkennen und besser reagieren.
Checkliste
- Detection-Regeln anpassen (SIEM/EDR):
- anomalie Login-Häufigkeiten, neue Admin-Berechtigungen
- neue Cron/Service Installationen
- verdächtige Prozessketten
- Alerting priorisieren:
- „High Signal“ Events (z. B. neue Accounts + exfiltration-like egress)
- Threat Hunting Runbooks erstellen:
- Suche nach Indikatoren, die zu eurem Incident passen.
- Abdeckung prüfen:
- Sind Logs wirklich vollständig? Werden sie zentral und zuverlässig gesammelt?
9) Kommunikations- & Compliance-Themen (falls relevant)
Ziel: Pflichten erfüllen, ohne das technische Troubleshooting zu blockieren.
Checkliste
- Recht/Compliance einschalten, wenn:
- personenbezogene Daten betroffen sein könnten
- Meldepflichten existieren (z. B. je nach Land/Branche)
- Externe Dienstleister (Forensik/Incident Response) bewerten, wenn Ausmaß unklar oder kritisch.
- Management-Update: kurze Statusupdates nach definiertem Rhythmus.
10) Lessons Learned & Abschluss (Post-Incident)
Ziel: Lerneffekte in Prozesse/Technik übersetzen.
Checkliste
- Incident Review (ohne Schuldzuweisung):
- Was hat gut funktioniert?
- Wo gab es Verzögerungen?
- War die Eindämmung ausreichend?
- Wurden Logs/Forensik schnell genug gesichert?
- Maßnahmenplan mit Ownern und Deadlines:
- Patch-Zeitpläne
- Logging/Monitoring Lücken
- Secret-Management/Access-Prozesse
- Runbooks aktualisieren (inkl. „wer macht was“ und Kontaktketten).
- Retest/Validation:
- Verifikation, dass Schwachstelle wirklich geschlossen ist
- dass Integrität wiederhergestellt ist
Kurze „Executive“-Checkliste (zum Abhaken)
- Betroffene Systeme isolieren / Zugriff begrenzen
- Logs/Artefakte sichern (Chain of Custody)
- Timeline & Ursache klären (Einstieg, Persistenz, Movement, Exfil)
- Rebuild bevorzugen, wenn Root-/Admin-Compromise möglich
- Credentials/Secrets rotieren (User, Keys, Tokens, Cloud, Sessions)
- Patchen & Härtung gegen die Ursache
- Monitoring/Detections verbessern
- Compliance/Kommunikation je nach Fall
- Post-Incident Review + Maßnahmen mit Ownern


